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Das Problem Islamismus



Der politische Islam ist die weltweit stärkste religiöse Machtbestrebung der Gegenwart. Es gibt Länder, in denen der PI bereits die Herrschaft ausübt — beispielsweise in Iran, Saudi-Arabien, Gaza und Sudan. Es gibt eine Vielzahl von Ländern, in denen der PI zwar eine starke Kraft ist, die Macht jedoch nur teilweise ausübt und nach völliger Machtausübung strebt. Dazu gehören Afghanistan, Pakistan, Indonesien, Jemen, Syrien, Ägypten, die Emirate, die Somali-Staaten, Jordanien, die Türkei, Tunesien, Marokko, Algerien, Libyen, die russischen Kaukasusprovinzen und Nigeria. In Irak, Libanon und Bahrein ist der PI gespalten in eine schiitische und eine sunnitische Fraktion, die sich bekriegen.

Alle Länder, die vom PI regiert werden, sind de facto Priesterdiktaturen mit geringer Toleranz für religiöse und ethnische Minderheiten. Das wirkt abschreckend auf Nicht-Islamisten in Ländern, in denen der PI die volle Macht anstrebt. Der Machtwechsel in Ägypten, die Unruhen in Tunesien und die zunehmende Unterstützung in Syrien für Präsident Assad spiegeln die Angst grosser Teile der Bevölkerung vor der Machtausübung militanter Islamisten.

In Ländern mit überwiegend muslimischer Bevölkerung müsste es für den PI ein Leichtes sein, breite Unterstützung und ein Mandat für die Führung des Landes zu erringen. Dass das bisher nur in wenigen Fällen gelungen ist, liegt vor allem an der Borniertheit der PI-Führer und ihrer Kompromisslosigkeit. Nur wo aufgrund schlechter historischer Erfahrungen der PI vorsichtig auftritt und Toleranz predigt — wenn auch nicht immer ausübt — kann er die Führung eines Landes erringen und schrittweise ausbauen: Beispiel Türkei. Ähnliches wurde in Ägypten erwartet, doch die einjährige Herrschaft der Muslimbrüder zelebrierte alle Fehler, die im Lehrbuch stehen. Sie wollten bis zuletzt nicht begreifen, dass die Duldsamkeit der Bevölkerung Grenzen kennt. Auch in der Türkei wird die Herrschaft der Frommen von Fethullah Gülen bis Tayyip Erdogan durch die eigene Hybris zunehmend gefährdet.

Welche Möglichkeiten stehen Ländern offen, mit dem Machtanspruch des PI zu leben? Im Prinzip gibt es nur vier Möglichkeiten, nämlich
— nachzugeben und den PI als staatstragende Kraft zu akzeptieren (Türkei, Sudan, eventuell Libyen);
— zu versuchen, den PI als wichtige Kraft in eine Demokratie oder Monarchie zu integrieren (Marokko, Jordanien, Emirate, Pakistan);
— den PI dauerhaft zu unterdrücken und zu hoffen, dass irgendwann neue Generationen auf den religiösen Machtanspruch verzichten werden (Afghanistan, Syrien vor 2011; Ägypten vor 2011, russische Kaukasusprovinzen);
— den Fehdehandschuh aufzunehmen und in einem Bürgerkrieg zu ermitteln, wer stärker ist: der PI oder seine Gegner (Algerien, Jemen, Somalia, Ägypten jetzt).

Religiös motivierte Bürgerkriege sind gewöhnlich besonders blutig. Algeriens Krieg wirkte mit über 100.000 Toten und fünf Jahren Dauer abschreckend. In Syrien ist die Zahl von 100.000 Todesopfern bereits weit überschritten. Schon wegen der Grösse der Bevölkerung wären die Opferzahlen in Ägypten vermutlich weitaus höher, falls sich die Islamisten als stark genug erweisen, eine jahrelange Auseinandersetzung durchzuhalten.

In solchen Konflikten kommen den Islamisten mehrere Umstände zu Hilfe. Erstens brauchen sie ihre Anhänger nicht zu motivieren: sie sind schon motiviert und bereit, Leiden und Tod zu akzeptieren. Zum zweiten bedeuten Todesopfer, Verletzte und Gefangene zumindest in der Anfangsphase keine Schwächung, sondern eine Stärkung der Bewegung: sie gelten als Märtyrer und Vorkämpfer des Glaubens. Drittens wird die Weltöffentlichkeit umso mehr im Sinne der Frommen beeinflusst, je mehr Blut fliesst und je stärkere Waffen der Gegner einsetzt. Dieser Faktor gilt allerdings nur ein paar Monate, wie Irak, Syrien, Afghanistan und Pakistan zeigen. Danach stumpft die Weltöffentlichkeit ab und nimmt die Gewalt als unvermeidlich und nicht-nachrichtenwürdig hin.

Das Ausland hat nur geringe Möglichkeiten, in einen religiös bedingten Bürgerkrieg mässigend einzugreifen. Beide Kriegsparteien befinden sich in einem gemeinsamen Delirium und empfinden jede Einmischung von aussen als bedrohend und feindlich. Nur zwei wichtige Regeln kann das Ausland ohne Partei zu ergreifen befolgen: keine Waffen liefern und Flüchtlinge aufnehmen.

Hat die Aggression des PI gegen eine nicht total islamische Ordnung das Stadium des Bürgerkrieges erreicht, so muss man — so traurig das ist — wahrscheinlich den Dingen ihren Lauf lassen und warten, bis das Land entschieden hat, wer der Sieger ist. Vielleicht braucht die muslimische Welt, die Gemeinschaft der Gläubigen umma, diese Katharsis um zu erkennen, dass der Islamismus ein nostalgisch motivierter Irrweg ist.

Im konkreten Fall Ägyptens hat sich das Militär für die gewaltsame Auseinandersetzung entschieden. General al-Sisi lehnte den mühsam von Vizepräsident El-Baradei zusammen mit dem Ausland ausgehandelten Kompromiss mit den Brüdern ab. Ihm geht es um nicht weniger als die dauerhafte politische und wirtschaftliche Autonomie des Militärs.

Es ist abzusehen, dass die Brüder und ihre salafistischen Verbündeten nach der jetzigen Katastrophe ihr Führungspersonal auswechseln und sich modernisieren werden. Wie man das macht, hat ja in der Türkei Tayyip Erdogan vorgeführt. Man gründet eine moderat islamistische, leicht pluralistische und wirtschaftsfreundliche Partei, gewinnt mit ihr die Wahlen einmal, zweimal und knöpft sich dann das Militär vor. In einem Prozess Typ Ergenekon enthauptet man die Streitkräfte und beseitigt ihre Autonomie für immer.

Sisi sieht offenbar die Schrift an der Wand und hat beschlossen jetzt, da ihm das Versagen der Brüder die Unterstützung der Grosstadtbevölkerung und der Bildungselite geschenkt hat, tabula rasa zu machen und die Brüder und ihre Freunde mit Gewalt und Repression zu zerstören.

Nie wieder wird ein so grosser Teil der Bevölkerung dem Militär und der Polizei zujubeln, nie wieder werden die Brüder so schwach sein: für General al-Sisi gilt es, die Gunst der Stunde zu nutzen, egal wie viele Tote es gibt, egal wie sehr das Ausland und die Vereinten Nationen protestieren. Es geht garnicht mehr um die Brüder von heute und ihre unfähigen Anführer. Ein ägyptischer Erdogan ist das Schreckgespenst, das das Militär und seine Verbündeten umtreibt.

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—— Ihsan al-Tawil طويل